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Abner, der Jude, der nichts gesehen hat
Herr, ich bin aus Mogador am Strande des großen Meers, und als der großmächtigste Kaiser
Muley Ismael über Fez und Marokko herrschte, hat sich die Geschichte zugetragen, die du
vielleicht nicht ungerne hören wirst. Es ist die Geschichte von Abner, dem Juden, der nichts
gesehen hat.
Juden, wie du weißt, gibt es überall, und sie sind überall Juden: pfiffig, mit Falkenaugen für
den kleinsten Vorteil begabt, verschlagen, desto verschlagener, je mehr sie mißhandelt
werden, ihrer Verschlagenheit sich bewußt und sich etwas darauf einbildend. Daß aber doch
zuweilen ein Jude durch seine Pfiffe zu Schaden kommt, bewies Abner, als er eines Abends
zum Tore von Marokko hinaus spazierenging.
Er schreitet einher, mit der spitzen Mütze auf dem Kopf, in den bescheidenen, nicht
übermäßig reinlichen Mantel gehüllt, streichelt sich den Knebelbart, und trotz der
umherrollenden Augen, welche ewige Furcht und Besorgnis und die Begierde, etwas zu
erspähen, womit etwas zu machen wäre, keinen Augenblick ruhen läßt, leuchtet
Zufriedenheit aus seiner Miene; er muß diesen Tag gute Geschäfte gemacht haben; und so
ist es auch. Er ist Arzt, ist Kaufmann, ist alles, was Geld einträgt; er hat heute einen Sklaven
mit einem heimlichen Fehler verkauft, wohlfeil eine Kamelladung Gummi gekauft und einem
reichen kranken Mann den letzten Trank, nicht vor seiner Genesung, sondern vor seinem
Hintritt bereitet.
Eben war er auf seinem Spaziergang aus einem kleinen Gehölz von Palmen und Datteln
getreten, da hörte er lautes Geschrei herbeilaufender Menschen hinter sich; es war ein
Haufe kaiserlicher Stallknechte, den Oberstallmeister an der Spitze, die nach allen Seiten
unruhige Blicke umherwarfen, wie Menschen, die etwas Verlorenes eifrig suchen.
"Philister", rief ihm keuchend der Oberstallmeister zu, "hast du nicht ein kaiserlich Pferd mit
Sattel und Zeug vorüberrennen sehen?"
Abner antwortete: "Der beste Galoppläufer, den es gibt; zierlich klein ist sein Huf, seine
Hufeisen sind von vierzehnlötigem Silber, sein Haar leuchtet golden, gleich dem großen
Sabbatleuchter in der Schule, fünfzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen
halben Fuß lang, und die Stangen seines Gebisses sind von dreiundzwanzigkarätigem
Golde."
"Er ist's!" rief der Oberstallmeister.
"Er ist's!" rief der Chor der Stallknechte.
"Es ist der Emir", rief ein alter Bereiter, "ich habe es dem Prinzen Abdallah zehnmal gesagt,
er solle den Emir in der Trense reiten, ich kenne den Emir, ich habe es vorausgesagt, daß er
ihn abwerfen würde, und sollte ich seine Rückenschmerzen mit dem Kopf bezahlen müssen,
ich habe es vorausgesagt. Aber schnell, wohinzu ist er gelaufen?"
"Habe ich doch gar kein Pferd gesehen", erwiderte Abner lächelnd, "wie kann ich sagen,
wohin es gelaufen ist, des Kaisers Pferd?"
Erstaunt über diesen Widerspruch wollten die Herren vom Stalle eben weiter in Abner
dringen; da kam ein anderes Ereignis dazwischen.
Durch einen sonderbaren Zufall, wie es deren so viele gibt, war gerade zu dieser Zeit auch
der Leibschoßhund der Kaiserin entlaufen. Ein Haufe schwarze Sklaven kam herbeigerannt,
und sie schrien schon von weitem: "Habt Ihr den Schoßhund der Kaiserin nicht gesehen?"
"Es ist kein Hund, den Ihr suchet, meine Herren", sagte Abner, "es ist eine Hündin."
"Allerdings!" rief der erste Eunuch hocherfreut. "Aline, wo bist du?"
"Ein kleiner Wachtelhund", fuhr Abner fort, "der vor kurzem Junge geworfen, langes
Behänge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten vorderen Bein."
"Sie ist's, wie sie leibt und lebt!" rief der Chor der Schwarzen. "Es ist Aline; die Kaiserin ist in
Krämpfe verfallen, sobald sie vermißt wurde; Aline, wo bist du? Was soll aus uns werden,
wenn wir ohne dich in den Harem zurückkehren? Sprich geschwind, wohin hast du sie laufen
sehen?"
"Ich habe gar keinen Hund gesehen; weiß ich doch nicht einmal, daß meine Kaiserin, welche
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