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Menschen, das Geschöpf Allahs, sündigerweise wiederzuschöpfen in Farben und
Gemälden, daher sieht man auf jenen Geweben wunderbar verschlungene Bäume und
Zweige mit Menschenköpfen, Menschen, die in einen Fisch oder Strauch ausgehen, kurz,
Figuren, die an das gewöhnliche Leben erinnern und dennoch ungewöhnlich sind; ihr
versteht mich doch?" "Ich glaube, Eure Meinung zu erraten", sagte der Schreiber, "doch
fahret weiter fort!"
"Von dieser Art ist nun das Märchen; fabelhaft, ungewöhnlich, überraschend; weil es dem
gewöhnlichen Leben fremd ist, wird es oft in fremde Länder oder in ferne, längst vergangene
Zeiten verschoben. Jedes Land, jedes Volk hat solche Märchen, die Türken so gut als die
Perser, die Chinesen wie die Mongolen; selbst in Frankenland soll es viele geben,
wenigstens erzählte mir einst ein gelehrter Giaur davon; doch sind sie nicht so schön als die
unsrigen; denn statt schöner Feen, die in prachtvollen Palästen wohnen, haben sie
zauberhafte Weiber, die sie Hexen nennen, heimtückisches, häßliches Volk, das in elenden
Hütten wohnt, und statt in einem Muschelwagen, von Greisen gezogen, durch die blauen
Lüfte zu fahren, reiten sie auf einem Besen durch den Nebel. Sie haben auch Gnomen und
Erdgeister, das sind kleine verwachsene Kerlchen, die allerlei Spuk machen. Das sind nun
die Märchen; ganz anders ist es aber mit den Erzählungen, die man gemeinhin Geschichten
nennt. Diese bleiben ganz ordentlich auf der Erde, tragen sich im gewöhnlichen Leben zu,
und wunderbar ist an ihnen meistens nur die Verkettung der Schicksale eines Menschen, der
nicht durch Zauber, Verwünschung oder Feenspuk, wie im Märchen, sondern durch sie
selbst oder die sonderbare Fügung der Umstände reich oder arm, glücklich oder unglücklich
wird."
"Richtig!" erwiderte einer der jungen Leute. "Solche reinen Geschichten finden sich auch in
den herrlichen Erzählungen der Scheherazade, die man 'Tausendundeine Nacht' nennt. Die
meisten Begebenheiten des Königs Harun Al-Raschid und seines Wesirs sind dieser Art. Sie
gehen verkleidet aus und sehen diesen oder jenen höchst sonderbaren Vorfall, der sich
nachher ganz natürlich auflöst."
"Und dennoch werdet ihr gestehen müssen", fuhr der Alte fort, "daß jene Geschichten nicht
der schlechteste Teil der 'Tausendundeine Nacht' sind. Und doch, wie verschieden sind sie
in ihren Ursachen, in ihrem Gang, in ihrem ganzen Wesen von den Märchen eines Prinzen
Biribinker oder der drei Derwische mit einem Auge oder des Fischers, der den Kasten,
verschlossen mit dem Siegel Salomos, aus dem Meere zieht! Aber am Ende ist es dennoch
eine Grundursache, die beiden ihren eigentümlichen Reiz gibt, nämlich das, daß wir etwas
Auffallendes, Außergewöhnliches miterleben. Bei dem Märchen liegt dieses
Außergewöhnliche in jener Einmischung eines fabelhaften Zaubers in das gewöhnliche
Menschenleben, bei den Geschichten geschieht etwas zwar nach natürlichen Gesetzen,
aber auf überraschende, ungewöhnliche Weise."
"Sonderbar!" rief der Schreiber, "sonderbar, daß uns dann dieser natürliche Gang der Dinge
ebenso anzieht wie der übernatürliche im Märchen; worin mag dies doch liegen?"
"Das liegt in der Schilderung des einzelnen Menschen", antwortete der Alte; "im Märchen
häuft sich das Wunderbare so sehr, der Mensch handelt so wenig mehr aus eigenem Trieb,
daß die einzelnen Figuren und ihr Charakter nur flüchtig gezeichnet werden können. Anders
bei der gewöhnlichen Erzählung, wo die Art, wie jeder seinem Charakter gemäß spricht und
handelt, die Hauptsache und das Anziehende ist. So die Geschichte von dem gebackenen
Kopf, die wir soeben gehört haben. Der Gang der Erzählung wäre im ganzen nicht
auffallend, nicht überraschend, wäre er nicht verwickelt durch den Charakter der
Handelnden. Wie köstlich zum Beispiel ist die Figur des Schneiders. Man glaubt den alten,
gekrümmten Mantelflicker vor sich zu sehen. Er soll zum erstenmal in seinem Leben einen
tüchtigen Schnitt machen, ihm und seinem Weibe lacht schon zum voraus das Herz, und sie
traktieren sich mit recht schwarzem Kaffee. Welches Gegenstück zu dieser behaglichen
Ruhe ist dann jene Szene, wo sie den Pack begierig öffnen und den greulichen Kopf
erblicken. Und nachher glaubt man ihn nicht zu sehen und zu hören, wie er auf dem Minarett
umherschleicht, die Gläubigen mit meckernder Stimme zum Gebet ruft und bei Erblickung
des Sklaven plötzlich, wie vom Donner gerührt, verstummt? Dann der Barbier! Sehet ihr ihn
nicht vor euch, den alten Sünder, der, während er die Seife anrührt, viel schwatzt und gerne
verbotenen Wein trinkt? Sehet ihr ihn nicht, wie er dem sonderbaren Kunden das
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