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Der Zwerg Nase
Herr! Diejenigen tun sehr unrecht, welche glauben, es habe nur zu Zeiten Haruns Al-
Raschid, des Beherrschers von Bagdad, Feen und Zauberer gegeben, oder die gar
behaupten, jene Berichte von dem Treiben der Genien und ihrer Fürsten, welche man von
den Erzählern auf den Märkten der Stadt hört, seien unwahr. Noch heute gibt es Feen, und
es ist nicht so lange her, daß ich selbst Zeuge einer Begebenheit war, wo offenbar die
Genien im Spiel waren, wie ich Euch berichten werde.
In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschlands, lebte vor vielen
Jahren ein Schuster mit seiner Frau, schlicht und recht. Er saß bei Tag an der Ecke der
Straße und flickte Schuhe und Pantoffel, und machte wohl auch neue, wenn ihm einer
welche anvertrauen mochte; doch mußte er dann das Leder erst einkaufen, denn er war arm
und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte, die sie in einem kleinen
Gärtchen vor dem Tore pflanzte, und viele Leute kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und
sauber gekleidet war, und ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten und zu legen wußte.
Die beiden Leutchen hatten einen schönen Knaben, angenehm von Gesicht, wohlgestaltet,
und für das Alter von acht Jahren schon ziemlich groß. Er pflegte gewöhnlich bei der Mutter
auf dem Gemüsemarkt zu sitzen, und den Weibern oder Köchen, die viel bei der
Schustersfrau eingekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Früchte nach Hause, und
selten kam er von einem solchen Gang zurück, ohne eine schöne Blume, oder ein
Stückchen Geld, oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser Köche sahen es gerne, wenn
man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich.
Eines Tages saß die Frau des Schusters wieder wie gewöhnlich auf dem Markte, sie hatte
vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse, allerlei Kräuter und Sämereien, auch
in einem kleineren Körbchen frühe Birnen, Äpfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß
der Knabe, saß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: "Hierher ihr Herren,
seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Kräuter; frühe Birnen, ihr Frauen, frühe
Äpfel und Aprikosen, wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da kam
ein altes Weib über den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein
kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen, und eine spitzige,
gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock, und doch
konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte und wankte, es war, als
habe sie Räder in den Beinen, und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen
Nase aufs Pflaster fallen.
Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren jetzt doch schon
sechzehn Jahre, daß sie täglich auf dem Markte saß, und nie hatte sie diese sonderbare
Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwillkürlich, als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren
Körben stillestand.
"Seid Ihr Hanne, die Gemüsehändlerin?" fragte das alte Weib mit unangenehmer,
krächzender Stimme, indem sie beständig den Kopf hin und her schüttelte.
"Ja, die bin ich", antwortete die Schustersfrau; "ist Euch etwas gefällig?"
"Wollen sehen, wollen sehen! Kräutlein schauen, Kräutlein schauen; ob du hast, was ich
brauche?" antwortete die Alte, beugte sich nieder vor den Körben, und fuhr mit ein Paar
dunkelbraunen, häßlichen Händen in den Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die so
schön und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte sie dann
eines um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie hin und her. Der Frau des
Schusters wollte es fast das Herz abdrücken, wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen
Kräutern hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht des Käufers,
die Ware zu prüfen, und überdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als
jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie: "Schlechtes Zeug, schlechtes
Kraut, nichts von allem, was ich will, war viel besser vor fünfzig Jahren; schlechtes Zeug!
schlechtes Zeug!"
Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. "Höre, du bist ein unverschämtes, altes
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