| |
Weib", rief er unmutig, "erst fährst du mit deinen garstigen braunen Fingern in die schönen
Kräuter hinein, und drückst sie zusammen, dann hältst du sie an deine lange Nase, daß sie
niemand mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware
schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs alles bei uns!"
Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und sprach mit heiserer
Stimme: "Söhnchen, Söhnchen! also gefällt dir meine Nase, meine schöne lange Nase, sollst
auch eine haben, mitten im Gesicht bis übers Kinn herab." Während sie so spra ch, rutschte
sie an den anderen Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlichsten, weißen
Kohlhäupter in die Hand, drückte sie zusammen, daß sie ächzten, warf sie dann wieder
unordentlich in den Korb und sprach auch hier: "Schlechte Ware, schlechter Kohl!"
"Wackle nur nicht so garstig mit dem Kopf hin und her", rief der Kleine ängstlich, "dein Hals
ist ja so dünne wie ein Kohlstengel, der könnte leicht abbrechen, und dann fiele dein Kopf
hinein in den Korb; wer wollte dann noch kaufen!"
"Gefallen sie dir nicht, die dünnen Hälse?" murmelte die Alte lachend. "Sollst gar keinen
haben, Kopf muß in den Schultern stecken, daß er nicht herabfällt vom kleinen Körperlein."
"Schwatzt doch nicht so unnützes Zeug mit dem Kleinen da", sagte endlich die Frau des
Schusters, im Unmut über das lange Prüfen, Mustern und Beriechen, "wenn Ihr etwas kaufen
wollt, so sputet Euch, Ihr verscheucht mir ja die andern Kunden."
"Gut, es sei, wie du sagst", rief die Alte mit grimmigem Blick, "ich will dir diese sechs
Kohlhäupter abkaufen; aber siehe, ich muß mich auf den Stab stützen und kann nichts
tragen, erlaube deinem Söhnlein, daß es mir die Ware nach Hause bringt, ich will es dafür
belohnen."
Der Kleine wollte nicht mitgehen und weinte; denn ihm graute vor der häßlichen Frau, aber
die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie es doch für eine Sünde hielt, der alten
schwächlichen Frau diese Last allein aufzubürden; halb weinend tat er, wie sie befohlen,
raffte die Kohlhäupter in ein Tuch zusammen, und folgte dem alten Weibe über den Markt
hin.
Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei Viertelstunden, bis sie in
einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam, und endlich vor einem kleinen baufälligen Hause
stillhielt. Dort zog sie einen alten, rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit geschickt in ein
kleines Loch in der Türe, und plötzlich sprang diese krachend auf. Aber wie war der kleine
Jakob überrascht, als er eintrat! Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmückt, von
Marmor waren die Decke und die Wände, die Gerätschaften vom schönsten Ebenholz, mit
Gold und geschliffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas und so glatt, daß
der Kleine einigemal ausglitt und umfiel. Die Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der
Tasche, und pfiff eine Weise darauf, die gellend durch das Haus tönte. Da kamen sogleich
einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz sonderbar
dünken, daß sie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nußschalen statt Schuhen an den Pfoten
trugen, menschliche Kleider angelegt und sogar Hüte nach der neuesten Mode auf die Köpfe
gesetzt hatten. "Wo habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?" rief die Alte, und schlug
mit dem Stock nach ihnen, daß sie jammernd in die Höhe sprangen; "wie lange soll ich noch
so dastehen?"
Sie sprangen schnell die Treppe hinauf, und kamen wieder mit ein Paar Schalen von
Kokosnuß mit Leder gefüttert, welche sie der Alten geschickt an die Füße steckten.
Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei. Sie warf den Stab von sich und glitt mit großer
Schnelligkeit über den Glasboden hin, indem sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog.
Endlich hielt sie in einem Zimmer stille, das mit allerlei Gerätschaften ausgeputzt, beinahe
einer Küche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz, und die Sofas, mit reichen
Teppichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach paßten. "Setze dich, Söhnchen", sagte die
Alte recht freundlich, indem sie ihn in die Ecke eines Sofas drückte, und einen Tisch also vor
ihn hinstellte, daß er nicht mehr hervorkommen konnte. "Setze dich, du hast gar schwer zu
tragen gehabt, die Menschenköpfe sind nicht so leicht, nicht so leicht."
"Aber Frau, was sprechet Ihr so wunderlich", rief der Kleine, "müde bin ich zwar, aber es
waren ja Kohlköpfe, die ich getragen, Ihr habt sie meiner Mutter abgekauft."
"Ei, das weißt du falsch", lachte das Weib, deckte den Deckel des Korbes auf, und brachte
einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf gefaßt hatte. Der Kleine war vor Schrecken
|
| |
|
|