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rufen: "Ei, sehet den häßlichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her? Ei, was hat er doch für
eine lange Nase, und wie ihm der Kopf in den Schultern steckt, und die braunen, häßlichen
Hände!" Zu einer andern Zeit wäre er wohl auch nachgelaufen, denn er sah für sein Leben
gern Riesen oder Zwerge, oder seltsame, fremde Trachten, aber so mußte er sich sputen,
um zur Mutter zu kommen.
Es war ihm ganz ängstlich zumut, als er auf den Markt kam. Die Mutter saß noch da und
hatte noch ziemlich viele Früchte im Korb, lange konnte er also nicht geschlafen haben, aber
doch kam es ihm von weitem schon vor, als sei sie sehr traurig; denn sie rief die
Vorübergehenden nicht an, einzukaufen, sondern hatte den Kopf in die Hand gestützt, und
als er näher kam, glaubte er auch, sie sei bleicher als sonst. Er zauderte, was er tun sollte;
endlich faßte er sich ein Herz, schlich sich hinter sie hin, legte traulich seine Hand auf ihren
Arm und sprach: "Mütterchen, was fehlt dir? Bist du böse auf mich?"
Die Frau wandte sich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des Entsetzens zurück: "Was
willst du von mir, häßlicher Zwerg!" rief sie, "fort, fort! Ich kann dergleichen Possenspiel nicht
leiden."
"Aber Mutter, was hast du denn?" fragte Jakob ganz erschrocken; "dir ist gewiß nicht wohl;
warum willst du denn deinen Sohn von dir jagen?"
"Ich habe dir schon gesagt, gehe deines Weges!" entgegnete Frau Hanne zürnend. "Bei mir
verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien, häßliche Mißgeburt."
"Wahrhaftig, Gott hat ihr das Licht des Verstandes geraubt", sprach der Kleine bekümmert zu
sich; "was fange ich nur an, um sie nach Haus zu bringen? Lieb Mütterchen, so sei doch nur
vernünftig; sieh mich doch nur recht an; ich bin ja dein Sohn, dein Jakob."
"Nein, jetzt wird mir der Spaß zu unverschämt", rief Hanne ihrer Nachbarin zu, "seht nur den
häßlichen Zwerg da, da steht er und vertreibt mir gewiß alle Käufer, und mit meinem Unglück
wagt er zu spotten. Spricht zu mir: 'Ich bin ja dein Sohn, dein Jakob', der Unverschämte!"
Da erhoben sich die Nachbarinnen und fingen an zu schimpfen, so arg sie konnten, und
Marktweiber, wisset ihr wohl, verstehen es, und schalten ihn, daß er des Unglückes der
armen Hanne spotte, der vor sieben Jahren ihr bildschöner Knabe gestohlen worden sei, und
drohten insgesamt über ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn er nicht alsobald ginge.
Der arme Jakob wußte nicht, was er von diesem allem denken sollte. War er doch, wie er
glaubte, heute frühe, wie gewöhnlich, mit der Mutter auf den Markt gegangen, hatte ihr die
Früchte aufstellen helfen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein
Süppchen verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht, und war jetzt wieder da; und doch
sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren! Und sie nannten ihn einen
garstigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm vorgegangen? - Als er sah, daß die Mutter gar
nichts mehr von ihm hören wollte, traten ihm die Tränen in die Augen, und er ging trauernd
die Straße hinab nach der Bude, wo sein Vater den Tag über Schuhe flickte. Ich will doch
sehen, dachte er bei sich, ob er mich auch nicht kennen will; unter die Türe will ich mich
stellen und mit ihm sprechen. Als er an der Bude des Schusters angekommen war, stellte er
sich unter die Türe und schaute hinein. Der Meister war so emsig mit seiner Arbeit
beschäftigt, daß er ihn gar nicht sah; als er aber einmal zufällig einen Blick nach der Türe
warf, ließ er Schuhe, Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: "Um Gottes
willen, was ist das, was ist das!"
"Guten Abend, Meister!" sprach der Kleine, indem er vollends in den Laden trat, "wie geht es
Euch?"
"Schlecht, schlecht, kleiner Herr!" antwortete der Vater zu Jakobs großer Verwunderung;
denn er schien ihn auch nicht zu kennen. "Das Geschäft will mir nicht recht von der Hand.
Bin so allein und werde jetzt alt, und doch ist mir ein Geselle zu teuer."
"Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach an die Hand gehen könnte bei
der Arbeit?" forschte der Kleine weiter.
"Ich hatte einen, er hieß Jakob, und müßte jetzt ein schlanker, gewandter Bursche von
zwanzig Jahren sein, der mir tüchtig unter die Arme greifen könnte. Ha! das müßte ein Leben
sein; schon als er zwölf Jahre alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt, und verstand
schon manches vom Handwerk, und hübsch und angenehm war er auch, der hätte mir eine
Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, sondern nichts als Neues geliefert
hätte! Aber so geht's in der Welt."
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